Die BOOMY-Story
Geschichte des Dresdner Hip-Hop-Magazins

Anfang der 90er Jahre im vergangenen Jahrtausend: Das Internet war faktisch noch nicht existent, die Telefone hatten eine Schnur, Bilder wurden als Fotoabzüge per Post verschickt. Der Austausch von Informationen innerhalb der Hip-Hop-Szene erfolgte meist auf überregional bedeutsamen Veranstaltungen. Und die fanden eher in Hamburg oder Köln statt, nicht in Dresden am Rande der Republik.

1993: Einfach machen…

Deshalb beschlossen Henrik Lang und ich, ein Hip-Hop-Magazin zu gründen. Denn Magazine spielen für die Vernetzung eine wichtige Rolle. „Dieses Magazin soll ein offenes Inzine sein. Damit meinen wir, dass jeder schreiben kann, was er möchte, nur steht er dafür auch mit seinem Namen,“ so beschrieben wir im ersten Heft das Konzept.

Das Magazin sollte ein Knotenpunkt der szeneinternen Kommunikation werden. Wir baten uns bekannte Aktive in der ganzen Bundesrepublik und auch der Schweiz, über die Entwicklung in ihren Regionen zu schreiben. Bereits für die erste Ausgabe konnten wir Autoren und Fotografen aus Berlin, Hamburg, Köln, der Schweiz und natürlich aus Dresden und Umgebung gewinnen. Einige Artikel schrieben wir selbst.

Große Hilfe erfuhren wir auch aus dem Freundeskreis: Thomas Vick, Mario Braun, Studio 17 sowie Stefan Richter aus Chemnitz (heute bekannt als Trettmann) und SIMO aus Hamburg – um nur einige zu nennen – waren uns eine wichtige Unterstützung.

Die Produktion der ersten Ausgabe erfolgte entsprechend unserer damaligen technischen Möglichkeiten. Das Layout wurde in Word erstellt, der Platz für Fotos und Grafiken freigelassen, diese dann auf die Ausdrucke aufgeklebt. Die Druckerei Offsetdruck Coswig beherrschte damals noch die Technologie, die Klebemontagen abzufotografieren und daraus Druckfilme zu entwickeln. Schwarz-Weiß, natürlich.

Vertrieben wurde das Magazin auf Veranstaltungen, über Partner und in Schallplattenläden. Auch die Bestellung per Post spielte eine große Rolle. Vom Erfolg und der Resonanz auf das erste Heft waren wir völlig überrascht.

1993–1995: Da entsteht etwas…

Innerhalb von zwei Jahren folgten fünf weitere Ausgaben. Das inhaltliche Konzept blieb gleich, doch die Produktionsweise änderte sich kontinuierlich: Dank Rene Wetzel konnten wir ab der zweiten Ausgabe eine farbige Innenseite (und später auch einen farbigen Umschlag) umsetzen. Ab der vierten Ausgabe erstellte ich das Magazin am eigenen Mac. Als Satzprogramm stand nun Pagemaker zur Verfügung.

Viele Autoren wie Loomit, Mansha, Zora, Divine und Stascha Bader kamen hinzu. Wir erhielten Zuarbeiten aus den Niederlanden, Großbritannien und sogar aus Südafrika. Ab der sechsten Ausgabe hatten wir mit zAzOu, Naomy und Shy auch eine Redaktion in Berlin. Das alles natürlich nach wie vor ehrenamtlich von allen Beteiligten.

Doch ein anderes Problem tat sich auf: Graffiti ist ein wichtiger Bestandteil der Hip-Hop-Kultur, und zugegebenermaßen nicht immer legal. Obwohl wir Presseausweise hatten und ordentlich akkreditierte Journalisten waren, „verschwanden“ immer wieder Briefe an uns, die Fotos enthielten. Um unsere Bildautoren nicht zu gefährden, mussten wir nun zur anonymen Zusendung aufrufen.

Zeitgleich mit dem BOOMY hatten sich übrigens einige weitere Hip-Hop-Magazine gegründet, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiteten, so z. B. Backspin aus Hamburg oder Make’t Better aus der Schweiz.

1995: Gemeinschaftsprojekt von BOOMY und King Styles

„King Styles aus Münster und BOOMY aus Dresden – zwei recht unterschiedliche Hip Hop Magazine – haben sich zusammengetan.“ So begann das Editorial dieser gemeinschaftlichen Sonderausgabe. „Swen von King Styles kümmert sich um den Aerosol part, GRIOT und Trickster vom BOOMY um den schwarz-weißen Rest,“ wurde die Arbeitsteilung beschrieben. Denn die inhaltlichen Schwerpunkte der beiden Magazine waren recht verschieden: Während King Styles ein reines Graffiti-Magazin war, dafür aber in dieser Szene weitreichendere Kontakte hatte, war das BOOMY eher der Allrounder des Hip Hop und konnte auch mit musikalischer Kompetenz aufwarten.

Die Produktionsweise des Heftes war ein Abenteuer: Wir in Dresden gestalteten unsere Schwarz-Weiß-Seiten und lieferten die Druckfilme nach Münster, King Styles fügte die Druckfilme der von ihm gestalteten Farbseiten dazu und gab alles zusammen in die Druckerei. Der eine wusste nicht, wie die Seiten des anderen aussahen. Das Gesamtergebnis erlebten wir erst als fertiges Druckstück. Ein wirklich gelungenes Experiment, welches aber als einmaliges Projekt angelegt war.

1996: Der Abschied

Der Hip Hop veränderte sich. War in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre der Geist des Engagierens, des Anpackens prägend für die Szene, ging es nun zunehmend um das gute Aussehen. Markenware wurde wichtiger als Geleistetes. Hinzu kam bei vielen Youngsters das affektierte Nacheifern der Gangster-Rap-Stars.

Das BOOMY war außerordentlich erfolgreich, die Arbeitsweise immer besser, die Vernetzung immer dichter. Doch es machte keinen Spaß mehr. Die achte Ausgabe war mittlerweile erschienen, nach der neunten im Juli 1996 sollte mit dem Hip-Hop-Magazin Schluss sein, waren Henrik und ich uns einig.

1996: Der Neuanfang

Doch im Herbst fragte mich Rene Wetzel, der in der Werbeagentur WDS Pertermann arbeitete, ob ich das Magazin für die Agentur weiterführen würde. Ich war einverstanden, bestand aber auf ein neues – erweitertes – Konzept. „Hip Hop – mutiert zu einem Begriff, der zwischen Leibesübungen auf Krankenschein bis zum Freizeitvergnügen für 12jährige alles zu bieten hat,“ schreibt Mansha dann ironisch in ihrem Artikel des ersten „neuen“ BOOMY. Es sollte im neuen BOOMY zwar weiterhin um Hip Hop gehen, aber auch um Lifestyle, Literatur und andere Kulturen.

Auch das Produktionskonzept wurde ein anderes: Der Inhalt wurde von mir koordiniert, drei Agenturen (WDS Pertermann, SUBdesign und die Agentur Krahl) lieferten die Layouts, die meisten Fotos wurden von Profis erstellt. Das Heft sollte aller zwei Monate erscheinen und nun auch über Bahnhofskioske vertrieben werden. Doch das Projekt scheiterte. Während der Gestaltung des dritten Hefts wurde der Schlussstrich gezogen. Leider muss ich zugeben: Zu Recht.

Das Scheitern der Professionalisierung hatte mehrere Gründe. So waren nun die Anzeigenpreise deutlich höher. Deshalb verhandelte ich nicht mehr mit den Produktmanagern der Schallplattenlabels (die das „alte“ BOOMY kannten und schätzten), sondern mit den Marketingleitern. Doch denen konnte ich das Produkt BOOMY nicht schlüssig erläutern. Wie auch? Es war nicht schlüssig. „Wie überall gibt es auch im Hip Hop Aktive, die einen recht weiten Horizont haben, über die Grenzen ihres „Fachgebietes“ hinausblicken, sich von diesen Dingen auch inspirieren lassen und so völlig neue Einflüsse in den Hip Hop hinein bringen,“ schrieb ich im Vorwort des dritten neuen BOOMY. Das stimmt zwar. Doch ein Zuviel an „über’n Tellerrand schauen“ funktioniert nicht. Nicht für ein Magazin, welches eigentlich eine konkrete Zielgruppe im Blick hat. Und diese Zielgruppe nicht umfassend bedient. Klassisch am Markt vorbeiproduziert.

Diese Marketing-Grundlagen und vieles mehr sollte ich in den folgenden Jahren lernen. Doch das ist eine andere Geschichte.